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Posted: März 20th, 2010 | Author: Mercedes | Filed under: WIE DU WILLST, ICH TUE MICH SCHWER MIT SCHUBLADEN | No Comments »Ohne Jacke. Mit Lippenstift.
Ohne Jacke. Mit Lippenstift.
“Siebenundfünfzig hallende Tapser und mindestens doppelt soviele Atemstöße, immer lauter, immer näher. Dann “Klack!”, die Türklinke. Zwei, drei barfüßige Schlurfschritte und schließlich ihre Waden auf meinem Bezug. Schlafwarm. Dann Stille. Sekunden später erneut Schritte im Flur, diesmal nur acht. Sie waren ruhiger, fester. Wieder “Klack!”. Obwohl (oder gerade weil) Karl näher am geheimen Kaminzimmer wohnte, kam er immer später. ”Na?” die Stimme, mit der Luise ihn begrüßte, war so rauh, als rauchte sie seit Jahren täglich – aber dafür war sie viel zu jung. Karl setzte sich auf den Boden und die beiden sprachen eine Weile miteinander. Auch seine Stimme war dunkel und uneben – man hätte einen ganzen Sack Nüsse auf den Gesprächen der beiden zerreiben können. Mindestens. Als schließlich Schweigen einkehrte, zog Luise einen Stift aus der Tasche ihres Nachthemds, schob es zur Seite und schrieb sich etwas auf den nackten Oberschenkel. Karl las es laut vor. In manchen Nächten war es nicht mehr als ein Witz, eine unsinnige Theorie oder eine naive Frage. In anderen, und dann begann seine Stimme beim Vorlesen zu zittern, waren es obszöne Aufforderungen. Nachdem er sie vorgelesen hatte, blickte er Luise kurz zögernd an und vergrub dann seinen Kopf in ihrem Schoß. Sie sank daraufhin leicht nach hinten weg und schickte einen tiefen Seufzer Richtung Kronleuchter.”
“Und das weißt du alles noch?“, flüsterte Myfluga dem alten Sessel ins kalte Ohr. Sie wollte, dass er noch mehr erzählte. Weil er aber nicht mehr antwortete, stand sie auf und ging.
Myfluga spähte einäugig zwischen den weißen Gardinen hindurch. Dicke Schneeflocken schunkelten da an der Fensterscheibe vorbei. Sie waren wie eine Reisegruppe fauler, alter Männer. Myfluga fand sie hässlich. Aber sie wollte ihre Gedanken überhaupt nicht mehr mit Winterlichkeiten anfüllen. Lieber erinnerte sie sich an den ersten Sprung aus dem Fenster vor ein paar Tagen. Sie würde es wieder machen. Einmal, zweimal, dreimal, so lange bis endlich Sommer war. Aber jetzt gerade half nur Schlaf. Sie schloss das rechte Auge wieder und sank in die Matratze. Tiefer und tiefer, durch das Lattenrost, durch den Parkettfußboden. Sie sank, bis sie ein Stockwerk tiefer im Wohnzimmer der alten Katzenfrau angelangt war. Myfluga wehrte sich nicht. Sie hatte die alte Dame sowieso schon immer einmal fragen wollen, was sie eigentlich gemacht hatte, bevor sie Katzenfrau geworden war. Und ob man Frü(h)ling mit oder ohne ‘h’ schreibt. Sie konnte sich nicht mehr erinnern.
“Der Frühling ist zu weit weg. Leben kann man das nicht schimpfen, die Menschen retten sich bleich über die Runden, bis die Tage heller werden.”
Nils Minkmar in der FAS
“Fünf“, dachte Myfluga, “fünf Matratzen, das muss reichen!” Ein letztes Mal trat sie fest gegen die oberste Matratze – dass sie auch ja stabil auf dem Haufen lag. Dann rannte sie auf Zehenspitzen zurück ins Haus. Die Straße war kälter, als sie in ihrer Begeisterung geglaubt hatte. Oben in der Wohnung drehte sie die Musik etwas lauter und setzte sich zurück auf das warme Fensterbrett. Auf dem Dach des Nachbarhauses glänzten die Antennen in der Sonne, hinter ihnen leuchtete ein blauer, wolkenloser Himmel. Heute morgen im Café hatte sie ihren Pullover ausziehen müssen, weil die Sonne so brennend heiß auf ihren Rücken schien. Sie hatte dann immerzu ihre nackten Arme ansehen müssen, ganz vorsichtig, als hätte sie das Verhältnis zu ihnen in der Öffentlichkeit verloren. Sie sah noch einmal zu dem Fenster hinauf, hinter dem der Mann mit dem dicken Bauch wohnte. Vorhin hatte er sie hier sitzen sehen und gelacht. Dann hatte er sein Fenster geöffnet und die Arme auf- und ab bewegt, als sei er ein Vogel. Jetzt war er verschwunden. Myfluga blickte hinunter auf den Matratzenhaufen und atmete tief ein. Dann stieß sie sich mit aller Kraft nach vorn. Nun war sie in der Luft. Es war Frühling.
Myfluga kletterte aus dem Jackenschrank und rannte durch den Flur in das Atelier ihres Vaters. Sie griff nach dem großen Eimer mit der tiefschwarzen Farbe und steckte sich einen auf dem Boden liegenden Pinsel in den Mund. Sie zog den Eimer zur Treppe und hievte sich diese stolpernd und eilig hinauf. In dem größten ihrer vier Zimmer setzte sie den Farbpott stöhnend ab, spuckte den Pinsel auf den Boden und schüttelte angewidert den Kopf. Immerzu musste sie würgen, wenn sie sich etwas zwischen die Zähne steckte. Dann riss sie den Deckel des Farbeimers hinunter und dachte an die gerade auf einer alten Postkarte gelesenen Worte. Mit eifernden Augen malte sie den bedeutungsvollen Satz klatschend und in großen, tropfenden Buchstaben an die weiße Wand ihres Zimmers. Als sie fertig war, nahm sie einige Meter Abstand, atmete auf und ließ sich langsam zur Seite wegkippen.
“Himmel, hat der Halbmond einen Ständer! Die Sterne reiben sich in Scharen an seinem gelben Schwanz. Ich glaub’ heut hat der Sommer Schnaps gesoffen: Die heiße Nacht nimmt mich von hinten: voll und ganz!”
(Und alle so: Valentinstag! Und sie so: Sommer! Freiluftsex!)
Gedicht: Barbara Maria Kloos – Münchner Honeymoon